growth myopia care

Nutzung und Beurteilung von Wachstumskurven in der Beratung und Wahl der Therapiestrategie

Wachstumskurven in der Pädiatrie

Wachstumskurven, auch Perzentilen Kurven genannt, werden seit Jahren in der Kinderheilkunde eingesetzt. Sie basieren auf statistisch erhobenen Daten, die Größe und Gewicht von Kindern mit denen gleichaltriger Kinder vergleichen. Aus diesen Kurven lässt sich zum Beispiel ablesen, ob ein Kind im Vergleich zu seiner Altersgruppe zu groß oder zu klein ist oder ob es Unter- oder Übergewicht hat. Dies ermöglicht eine effektive Kommunikation mit den Eltern über den Wachstums-/Entwicklungsstatus des Kindes und die Ableitung notwendiger Maßnahmen zur Risikominimierung, etwa bei Gewichtsanomalien.

Wachstumskurven für Kinderaugen

Zur Beurteilung des Augenlängenwachstums von Kinderaugen gibt es mittlerweile verschiedene Wachstumskurven aus Asien und Europa. Bei der Verwendung dieser Kurven ist es wichtig zu beachten, dass es sich um eine statistische Auswertung der Verteilung in der jeweiligen Bevölkerungsgruppe handelt, was zu erheblichen Unterschieden zwischen den Kurven aus Asien und Europa führt.

Aufgrund der signifikant höheren Prävalenz und des ausgeprägteren Ausmaßes der Myopie in der asiatischen Bevölkerung im Vergleich zur europäischen Bevölkerung ist der Zusammenhang zwischen höheren Perzentilen der Augenlänge (AL) und Myopie in Asien ausgeprägter. Das führt zum Beispiel dazu, dass sich bei beiden Geschlechtern zeigt, dass das 75 Perzentil der Augenlänge bei chinesischen Studien mit dem 98 Perzentil aus europäischen Studien vergleichbar ist [1 Diaz, 2 Tidemann].

Die am häufigsten verwendete Wachstumskurve im Myopie-Management stammt aus der Studie von Tidemann et al. 2018. Dr. Tidemann und sein Team analysierten Daten aus Kohorten in England und den Niederlanden mit über zwölftausend Teilnehmern, um jeweils für Jungs und Mädchen spezifische deskriptive Wachstumskurven zu erstellen. Den hier vorliegenden Tideman-Perzentilen sind Medianwerte und nicht direkt als Risiko-Kurven von Myopie zu bewerten. Medianwerte sagen aus, wie viele der Probanden diese Augenlänge hatten. Die 50. Perzentile sagt also aus, dass genau die Hälfte der Kinder eine Augenlänge unterhalb, resp. oberhalb dieser Linie hatten.

Da aus den Perzentilen allein keine aussagekräftige Information über das Risiko einer möglichen Augenerkrankung liefern, fügte Tidemann et al. eine zusätzliche Unterteilung des Myopie-Grades hinzu, die zwischen keiner Myopie, Myopie und hoher Myopie ab -6 dpt unterscheidet [2].

Augenlängen um die 50. Perzentile (dicker hervorgehoben in Abbildung 1) bei Erwachsenen betragen etwa 24 mm und gelten als normales, natürliches Risiko. Das Risiko von Komplikationen steigt bis zur 90. respektive 95. Perzentile weiter an und erreicht im Erwachsenenalter bei etwa 26 mm einen Schwellenwert, welcher als hohe Myopie, bei Tideman bei -6 Dpt und höher, bezeichnet wird. Die WHO hat allerdings in dem 2016 veröffentlichten Report die hohe Myopie bei einem Wert von -5 dpt und höher definiert. Über diesem Schwellenwert hinaus erhöht sich das Risiko für mögliche pathologische Veränderungen durch Myopie erheblich [3 WHO]. Für das Myopie Management regelt in der Schweiz seit Juli 2025 die Mittel und Gegenständeliste (MiGeL) entsprechende Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. In den Limitationen wird auch der Schwellenwert von –5 dpt zur Übernahme und eine überdurchschnittliche Augenlänge für die Vergütung bei Behandlung mit Brillen und Kontaktlinsen, die nachweislich eine Hemmung der Myopieprogression bewirken, vorgegeben. Im Leitfaden der Schweizerischen Ophthalmologischen Gesellschaft (SOG) wurde daher eine Kurve für die Limitation festgelegt, welcher unter dem entsprechenden Schwellenwert von -5 dpt entspricht [4].

In Abbildung 1 zeigt der orange Punkt einen Bereich mit mittleren bis erhöhtem gesundheitlichen Risiko, der eine Spannweite von 25 bis 26 mm im Erwachsenenalter darstellt.

Abbildung 1 Wachstumskurve mit Messung oberhalb der 50. Perzentile (Tideman et al.)

Abbildung 2 zeigt, dass der rote Punkt über der 95. Perzentil liegt. Laut Tideman et al. besteht hier ein hohes Risiko für Augenerkrankungen und Myopie im Erwachsenenalter.

Abbildung 2 Wachstumskurve mit Messung oberhalb der 75. Perzentile bei Jungs

Myopia.Care Online Wachstumskurven zur Visualisierung, Bewertung und Beratung

Verschiedene Webseiten und Biometer stellen solche Kurven zur einfachen Visualisierung und Beurteilung zur Verfügung. Myopia.Care ist eine der ersten Plattformen, die Kommunikation und Beratung im Myopie-Management unterstützt. Sie bietet eine frei zugängliche Möglichkeit, die axiale Augenlänge zu beurteilen. Zusätzlich bietet Myopia.Care mit den Kurven von Myappia die Möglichkeit, den Verlauf einer Refraktion in der Zukunft zu berechnen und ein Fragebogen für die Risikoanalyse an.

Die Wachstumskurven von Myopia.Care basieren auf den Grundlagen von Tideman et al. (2018) [2] und der Vorgabe der Schweizer-Leitfaden zur MiGeL Limitation [4]. Um das Risiko einer Myopie einfach und verständlich zu visualisieren, wurden diese Daten mit einem Ampelsystem farblich hinterlegt. Dabei

Durch die farbliche Hinterlegung wird die Kommunikation und Auswahl möglicher Therapiestrategien erheblich vereinfacht. Ein Messpunkt im grünen Bereich (siehe erstes Bild in Abbildung 3) entspricht einer Emmetropie oder Hyperopie, während Messpunkte im orangen, roten und dunkelroten Bereich (siehe zweites, drittes und viertes Bild) auf eine Myopie mit unterschiedlichen Risikostufen hinweisen.

Abbildung 3 Wachstumskurve mit farblicher Indikation und unterschiedlichen Messwerten

Im evidenzbasierten Myopie-Management muss jedes Kind individuell beurteilt werden, da nicht nur die Messwerte, sondern auch der Grad der vorhergehenden Progression,die Umweltfaktoren und Lebensgewohnheiten die Behandlungsstrategie im Myopie-Management beeinflussen. Die farbliche Einteilung in den Kurven von Myopia.Care kann dabei helfen, die Strategiefindung zu vereinfachen. Augen im grünen Bereich sollten zunächst beobachtet werden, um festzustellen, ob das Wachstum dem Kurvenverlauf folgt oder stärker ansteigt. Im gelben Bereich kann eine Behandlung in Erwägung gezogen werden, wobei bei geringem Risikoprofil auch zunächst abgewartet werden kann. Die Kurve ab dem orangen Bereich markiert das Gebiet, in dem die MiGeL-Limitationen für die spezifische Krankenkassenleistung für ein Myopie Management in der Schweiz Anwendung finden [4]. Wenn die Augenlänge bereits im orangen oder roten Bereich liegt, wird eine Mono-Therapie empfohlen. Bei einem hohen Risikoprofil oder hoher Progression kann  jedoch im roten Bereich auch eine Kombinationstherapie in Betracht gezogen werden. Ist das Auge bereits im dunkelroten Bereich, könnte es sinnvoll sein, sofort mit einer Kombinationstherapie zu beginnen, um keine Zeit zu verlieren. Das Risikoprofil lässt sich über den öffentlichen Fragebogen auf Myopia.Care ermitteln.

Die nachfolgende Tabelle im Rahmen des Ampelsystems der Augenlänge kann einschließlich einer Bewertung des Risikoprofils zur Unterstützung bei der Strategiefindung verwendet werden.

Tabelle 1: Myopia.Care Color Indication (MCCI)

Nach 6 bis 12 Monaten sollte die Behandlungsstrategie basierend auf der Progression und dem Wachstumsverlauf überprüft und gegebenenfalls angepasst werden. Der Verlauf zeigt die zeitliche Entwicklung der Progression, wobei sowohl eine geringe Progression (erstes Bild in Abbildung 4) als auch eine Zunahme (zweites Bild) der Augenlänge erkennbar wird. Diese Beobachtungen ermöglichen eine objektive Einschätzung der Progression und des Behandlungserfolgs. Bei starker Progression von -0.75dpt/Jahr oder mehr und fehlender Abflachung der Kurve unter Mono-Therapie kann eine Kombinationstherapie in Betracht gezogen werden.

Abbildung 4 Wachstumskurve mit Verlaufskurven

Nutzung der Myopia.Care Wachstumskurve

Über den Link www.myopia.care kann im Menü die Seite „Wachstumskurve“ ausgewählt werden. Hier sind die erforderlichen Eingabefelder für Alter, Augenlänge rechts und links sowie das Geschlecht zu finden, um die Wachstumskurven zu erstellen. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, historische Werte einzugeben, um den Verlauf grafisch darzustellen. In der öffentlichen Version werden die Patientendaten nicht gespeichert. Die Speicherung von Patientendaten und des Verlaufs ist nur im Rahmen einer Abo-Mitgliedschaft möglich.

Das neue Farbindikationssystem und die Myopia.Care-Wachstumskurven könnten einen bedeutenden Beitrag zur Verbesserung der Behandlungsergebnisse und zur Förderung eines kollaborativen Ansatzes im Myopie-Management leisten. Das Team und die Berater von Myopia.Care arbeiten kontinuierlich daran, die Angebote zu verfeinern und die Beratung mit den jungen Patienten zu optimieren.

Statement von Dr. Michael Baertschi, PhD

Die klinisch nützlichen farbigen Stufungen von Myopia.Care helfen in der täglichen Praxis einfach, rasch und anschaulich auf die individuelle Myopie Situation des Kindes einzugehen. Die klaren Stufungen und die klinisch erprobten Therapie Empfehlungen helfen einerseits bei der objektivierten Einschätzung, ebenso wie bei der Aufklärung und Beratung der Betroffenen und deren Eltern. Ein gelungenes Tool für uns Praktiker.

Statement von Dr. Thomas Aller, OD

Das neue Farbindikationssystem für die Behandlung, stellt einen bedeutenden Fortschritt im Management der Myopie-Progression dar. Durch die Verwendung unterschiedlicher Farben können wir die Empfehlung von Behandlungsstrategien sowohl für Kliniker als auch für Patienten vereinfachen. Diese intuitive visuelle Hilfe verbessert unsere Fähigkeit, die Notwendigkeit einer Behandlung basierend auf individuellen Patientenrisiken zu kommunizieren.

Disclaimer:

Die in den Wachstumskurven und MCCI Tabelle von Myopia.Care dargestellten farblichen Indikationen dienen lediglich als Orientierungshilfe und stellen keine Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Eine augenärztliche Beurteilung ist unerlässlich, um eine fundierte und individuelle Behandlung zu gewährleisten. Nur eine detaillierte Untersuchung durch eine*n Facharzt*in kann die notwendigen Informationen liefern, um die beste Therapieoption auszuwählen.

Seit 2020 ist Myopia.Care in das Lenstar Myopia Biometer von Haag-Streit integriert.

Referenzen:

  1.  Sanz Diez P, Yang LH, Lu MX, et al. Growth curves of myopia-related parameters to clinically monitor the refractive development in Chinese schoolchildren. Graefes Arch Clin Exp Ophthalmol. 2019 May;257(5):1045-1053. doi: 10.1007/s00417-019-04290-6. Epub 2019 Mar 23. PMID: 30903312.
  2. Tideman JWL, Polling JR, Vingerling JR, et al. Axial length growth and the risk of developing myopia in European children. Acta Ophthalmol. 2018 May;96(3):301-309. doi: 10.1111/aos.13603. Epub 2017 Dec 19. PMID: 29265742; PMCID: PMC6002955.
  3. Report of the Joint World Health Organization–Brien Holden Vision Institute Global Scientific Meeting on Myopia University of New South Wales, Sydney, Australia 16–18 March 2015, https://myopiainstitute.org/wp-content/uploads/2020/10/Myopia_report_020517.pdf (last access 25.5.2025)
  4. MiGeL Limitationen, https://augenoptik-netzwerk.ch/migel-limitation-myopie-management/ (last access 25.5.2025)
  5. SOG-SSO Arbeitsgruppe Strabismus, SOG Anwendung MiGeL https://www.sog-sso.ch/fileadmin/user_upload/Datenablage/Arbeitsgruppe_Strabismus/SOG_Anwendung_MiGeL-Nr-v3.pdf (last access 25.5.2025)